Briefe & Berichte aus dem Erstaufnahmelager in Suhl II

“Als keine Besserung eintrat und wir zur Lagerambulanz gingen und den Arzt aufsuchten, hat er uns mit einer sehr groben und unhöflichen Art aus der Ambulanz verwiesen. Er hat uns nicht mal angehört. Jeden Tag wird die Situation meiner Tochter schlimmer.”

Lager-Watch Thüringen liegen Briefe und Beschwerden von Bewohner*innen des Erstaufnahmelagers Suhl vor. Der folgende Brief wurde Ende September verfasst. Wir haben ihn übersetzt, anonymisiert und seine Veröffentlichung abgestimmt. Aktuell befindet sich die Familie noch immer im Erstaufnahmelager in Suhl und wartet bisher vergebens auf die Möglichkeit, dass Lager verlassen und sich um die medizinische Anbindung und Versorgung ihrer Kinder kümmern zu können. Immer wieder wird die Familie vertröstet: fachmedizinische Behandlung sei erst nach einem Transfer aus Suhl möglich. Zugleich gehört die Familie ebenfalls zu einer der unmittelbar von der Gewalt durch die Security betroffenen Familien, denen eine schnelle Verteilung versprochen wurde. Das ist bisher noch immer nicht passiert und die in Suhl verbliebenen Familien bleiben nach ihren traumatischen Erfahrungen weiterhin gezwungen, unter den aktuellen Bedingungen insbesondere der Versagung fachmedizinischer Behandlung ausharren zu müssen. Gemeinsam mit den betroffenen Familien bestärken wir erneut unsere Forderungen und fordern von den zuständigen Verantwortungsträger*innen,  die unverzügliche Verteilung auf eine Stadt, die in der Lage ist, für die fachmedizinische und psychosoziale Betreuung Sorge zu tragen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, um die anhaltende Isolation zu durchbrechen.

 

Brief eines Familienvaters zur Situation der medizinischen Gesundheitsversorgung im Erstaufnahmelager Suhl

Sehr geehrte Leser und Leserinnen, seien Sie gegrüßt,

ich bin ein Flüchtling aus Afghanistan und bin mit meiner Familie von Griechenland hierhin nach Deutschland transferiert worden. Meine Familie besteht aus meiner Frau und meinen drei Kindern. Die Überführung fand im Rahmen des Aufnahmeprogramms für besonders vulnerable Personen statt.

Aufgrund der folgenden Krankheiten zählten wir zu der Gruppe der besonders gefährdeten Personen:

  • Ich selbst leide an einer Herzkrankheit und hatte bereits einen leichten Herzinfarkt in Griechenland. Zudem sind bei mir Nierensteine festgestellt worden.
  • Mein ältester Sohn leidet an Depressionen.
  • Die schwerste und für uns als Familienmitglieder sehr belastende Krankheit ist die unserer Tochter. Sie leidet an schwerer Schuppenflechte (der Schmetterlingskrankheit). Seit 9 Jahren leidet sie unter diese Krankheit. Bisher hat sie verschiedenste Medikamente nehmen müssen. Keiner von diesen hat jedoch eine positive Reaktion bei ihr gezeigt.

Als sie uns alle von Griechenland hierhin verlegen wollten, hat man uns gesagt, dass sofort nach der Aufnahme in Deutschland die medizinische Behandlung begonnen werde. Aber bis heute  ist keine medizinische Hilfeleistung erfolgt. Wir haben mehrmals beim Lagerarzt vorgesprochen. Die einzige Antwort, die er uns bisher gegeben hat, ist, dass wenn auch schlimmer werden sollte, es nicht so schlimm sei. Wir sollen bis nach dem Transfer warten und weitersehen.

Einmal setzte er meiner Tochter Anfang der Woche eine Spritze. Falls es ihr bis zum Ende der Woche nicht besser gehen sollte, werde sie in ein Krankenhaus verlegt. Als keine Besserung eintrat und wir zur Lagerambulanz gingen und den Arzt aufsuchten, hat er uns mit einer sehr groben und unhöflichen Art aus der Ambulanz verwiesen. Er hat uns nicht mal angehört. Jeden Tag wird die Situation meiner Tochter schlimmer.  Wir haben Angst, dass bald ihr ganzer Körper betroffen sein wird und dass es irgendwann zu spät für eine passende Behandlung wäre. Wir haben Angst, dass sie sich für die Gesundung monatelang in einem Krankenhaus aufhalten müsste. Es ist zu erwähnen, dass meine Tochter sich sowohl in Afghanistan als auch in Griechenland monatelang in Krankenhäusern aufgehalten hat. Obwohl zurzeit nur einige Teile ihres Körpers betroffen sind, befindet sie sich in der Isolation. Die anderen Kinder haben Angst mit ihr zu spielen. Diese Situation ist also nicht nur für ihren Körper schlimm, sondern auch für ihren seelischen Zustand. Ich bitte Sie verzweifelt um Unterstützung für die Gesundheit meiner Tochter und um den Beginn einer medizinischen Behandlung. Meine Tochter müsste in ihrem Alter nun spielen und Freude haben, stattdessen leidet sie sowohl physisch als auch psychisch.

Seitdem wir in Suhl angekommen sind, haben wir keine Hilfe erhalten. Einige der Mitarbeiter haben ein sehr schlechtes Verhalten uns gegenüber gehabt. Ab und zu waren wir beim Sozialarbeiter. Er hat uns gefragt, ob wir ein Hotel erwarten würden. Manchmal sagte er sarkastisch: „Willkommen in Deutschland!“ oder warum wir denn hierhin gekommen seien.

Wir bitten Sie verzweifelt um Hilfe und Unterstützung, damit unsere Stimmen die Verantwortlichen erreichen. Wir sind überzeugt, dass keiner über die Probleme hier Bescheid weiß.  

In dem Land, das immer ein Sponsor der Flüchtlingsrechte war, und immer die Frauen- und Kinderrechte unterstützt hat, haben wir bis heute keine Unterstützung gesehen. Manchmal sind die Ärzte und Sozialarbeiter bereit, die Wände und Mauern anzuschauen. Sie vermeiden es aber mit uns zu sprechen oder uns anzuschauen. Welche Schuld haben wir uns denn aufgeladen als wir flüchteten? Wir brauchen Hilfe. Danke.

Briefe & Berichte aus dem Erstaufnahmelager in Suhl I

“Nach einigen Tagen gingen wir wieder zum selben Arzt, und ich sagte ihm, dass meine Frau sagt, dass sich das Kind nicht mehr in Ihrem Bauch bewegt, und ich bat den Arzt erneut, meine Frau ins Krankenhaus zu schicken, sie antworteten erneut dasselbe und sagten, dass sie keine Probleme habe und wir sie nicht ins Krankenhaus schicken könnten”

Lager-Watch Thüringen liegen aktuell Briefe und Beschwerden von Bewohner*innen des Erstaufnahmelagers Suhl vor. Der folgende Brief wurde Mitte September verfasst. Wir haben ihn übersetzt, anonymisiert und seine Veröffentlichung abgestimmt. Der Brief beschreibt den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung der Lagerärzte und zeigt auf, warum eine Mutter ihr Kind nur noch tot zur Welt bringen konnte. Das Kind hieß Saam. Im Zusammenhang mit den im Brief beschriebenen Vorwürfen hatte die Familie und Mutter am 29.09.2020 Strafanzeige gegen den medizinischen Dienst im Erstaufnahmelager Suhl gestellt und war noch am selben Tag unmittelbar von der Gewalt durch die Security betroffen – wie der Flüchtlingsrat Thüringen e.V. in seiner Pressemitteilung am 01.10.2020 öffentlich machte. Gemeinsam mit den Betroffenen erheben wir weiterhin schwere Vorwürfe. Wir fordern Gerechtigkeit und ein Ende des anhaltenden Status Quo unterlassener Hilfeleistung in dem Erstaufnahmelager Suhl. Der eindringlichste Wunsch der betroffenen Mutter war und ist, dass das was ihr passiert ist, keiner anderen Frau in dem Erstaufnahmelager Suhl je wieder passieren soll.

Brief des Familienvaters zur Situation seiner Frau und Familie nach dem Ankommen im Erstaufnahmelager Suhl

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wurde mit meiner Frau und meinen zwei Kindern, aufgrund unserer Situation als besonders vulnerable Familie von der Bundesregierung aus Griechenland nach Deutschland eingeladen. Die Anerkennung unserer Situation als besonders Schutzbedürftige basierte auf den Krankheiten unserer minderjährigen Kinder, meiner schwangeren Frau und meiner eigenen Krankheit.
Zusammen mit drei anderen gefährdeten Familien mit kranken Kindern kamen wir im August in Suhl an und wurden im Lager aufgenommen. Der Verlauf der Schwangerschaft meiner Frau bis zu ihrem siebten Monat, bevor der Flug angetreten wurde, ist als gesund bestätigt worden. Kurz nach unserer Ankunft besuchten wir aufgrund extremer Schwellungen der Füße meiner Frau und starker Schmerzen auf ihrer linken Körperseite im Bereich der Schulter, des Arms, Hals/Nacken und des Kopfes, einen Arzt. Der Arzt erkannte diesen Zustand nicht als ernstes Problem an und unterzog meine Frau nur einem Urintest, dessen Ergebnisse uns bis heute nicht vorliegen. Ich bat den Arzt, meine Frau ins Krankenhaus zu schicken. Seine Antwort war, dass dies nicht nötig sei und sie keine ernsthaften Probleme habe. Seine Assistentin wiederholte dasselbe und sagte, dass meine Frau nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden könne. Nach einigen Tagen gingen wir wieder zum selben Arzt, und ich sagte ihm, dass meine Frau sagt, dass sich das Kind nicht mehr in Ihrem Bauch bewegt, und ich bat den Arzt erneut, meine Frau ins Krankenhaus zu schicken, sie antworteten erneut dasselbe und sagten, dass sie keine Probleme habe und wir sie nicht ins Krankenhaus schicken könnten. Daraufhin wurde ich wütend und laut. Darauf bat der Arzt meine Frau, sich auf einen Stuhl zu setzen, damit er Ihren Blutdruck messen könne. Ihr Blutdruck war viel zu hoch. Wir fuhren dann mit einem Taxi zum Krankenhaus, wo sie einer Sonographie-Untersuchung unterzogen wurde und uns gesagt wurde, dass unser Kind tot sei.

Während des dreitägigen Krankenhausaufenthalts wurde meiner Frau das tote Kind aus ihrem Bauch entnommen. Erwähnenswert ist, dass meine Frau zu der Zeit, als sie im Lager war und Schmerzen im linken Teil ihres Körpers hatte, auch anmerkte mit dem linken Auge nicht klar sehen zu können. Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus verschlechterte sich ihr Sehvermögen auf dem linken Auge so stark, dass sie ihre Umgebung nur noch dunkel und neblig wahrnehmen konnte. Wir berichteten dem Lagerarzt davon, jedoch zeigte dieser tagelang keine Reaktion. Erneut gingen meine Frau und ich zum Arzt und berichteten ihm, dass meine Frau Probleme mit ihrem linken Auge habe, und erneut antwortete der Arzt, wir sollen weiter abwarten und schenkte uns weiter keine Beachtung. Wir sind letzte Woche zum Arzt und berichteten ihm von der Verschlechterung des Sehvermögens auf dem linken Auge.  Wir baten den Arzt, sie ins Krankenhaus zu schicken und sind dann selbst ins Krankenhaus gegangen. Ihr Auge wurde untersucht und geröntgt. Man sagte uns, dass ihr Auge schwer geschädigt sei und dass sie im Krankenhaus stationär aufgenommen werden müsse. Sie ist nach 8 Tagen immer noch im Krankenhaus und nicht geheilt. Der Arzt sagte uns, dass die Schäden dauerhaft sein könnten und durch den hohen Blutdruck verursacht worden seien, den der Arzt ignoriert und vernachlässigt hatte. Darüber hinaus habe ich selber Diabetes, und auch mein Gesundheitszustand wird in diesem Lager vernachlässigt. Mein Diabetes erreicht manchmal den Wert 500. Mir wird gesagt, dass so lange wir in diesem Lager sind, können wir keine medizinische Versorgung erwarten.
Deswegen schreibe ich diesen Brief an die zuständigen deutschen Regierungsstellen, um einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, Verständnis und Unterstützung zu geben. Ich bitte Sie verzweifelt, meiner Familie und den Familien, die in dieses Lager verlegt wurden, gleichermaßen zu helfen, eine gerechte und humanitäre Unterstützung zu erhalten, die wir brauchen, damit wir nicht länger diese menschenunwürdige Situation durchmachen müssen. Bitte verschaffen Sie meiner Stimme und der Stimme der anderen gefährdeten Familien in höheren Instanzen wie bei Frau Angela Merkel Gehör, dass wir durch die Nachlässigkeit der Ärzte im Lager unser Kind und meine Frau die Sehkraft ihres linken Auges verloren hat. Wir sind durch die Vorfälle schwer getroffen und möchten Sie um mehr Gerechtigkeit und Unterstützung bitten. Ich möchte darauf hinweisen, dass meine Familie und ich seit 20 Tagen in Deutschland sind und von dieser Zeit meine Frau zehn Tage im Krankenhaus verbracht hat und noch immer dort behandelt wird.

Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch meine 14-jährige Tochter, die Krampfanfälle hatte, bis sie acht Jahre alt war, und der in Griechenland die Gallenblase entfernt wurde, medizinische Behandlung und eine gesunde Ernährung benötigt. Auch andere Familien leiden und stehen vor großen Herausforderungen, da die medizinische Versorgung ihrer kranken Kinder nur unzureichend auf die Bedürfnisse ihrer Kinder ausgerichtet ist. Abschließend muss ich erwähnen, dass unter den gefährdeten Familien zum zweiten Mal ein Baby durch die Fahrlässigkeit der Ärzte totgeboren wurde. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Hilfe.

Herzlichen Dank

Mangelhafte medizinische Versorgung mit teilweise fatalen Folgen für körperliche und seelische Gesundheit

In den letzten Tagen erreichten das MediNetz Jena e.V. Nachrichten über
die erneuten Notstände im Erstaufnahmelager Suhl. In Bezug auf die vorangegangene Pressemitteilung des Flüchtlingsrates Thüringen e.V. vom 01.10.2020 veröffentlicht das MediNetz eine eigene Pressemitteilung und Stellungnahme zur medizinischen Versorgung im Erstaufnahmelager Suhl.

PRESSEMITTEILUNG des MediNetz Jena e.V. vom 07.10.2020

Vermehrt kommt es in der Unterbringung zu nicht korrekten bis hin zu
mangelhaften medizinischen Versorgungen der Bewohner:innen mit teilweise
fatalen Folgen für deren körperliche und seelische Gesundheit.
Beispielsweise wurden einfach objektivierbare Symptome von dort Lebenden
nicht als solche anerkannt und nicht untersucht, sondern als Täuschung
gewertet, welche nur das Ziel verfolge, schneller das Lager verlassen zu
können. Diese Denkweise, welche in einem medizinischen Handlungskontext
die Neutralität bezüglich politischer Meinungen nicht einhält, ist zum
einen zutiefst rassistisch und stellt dazukommend eine Unterlassung
ärztlicher Hilfeleistung dar. In mindestens einem Fall führte diese
unterlassene ärztliche Hilfeleistung zum Tod.

– Zu unterlassener Hilfeleistung zählt, wenn Hilfesuchende nicht
angesehen und beschriebene Symptome nicht objektiviert werden z.B. durch
eine körperliche Untersuchung oder Messung der Vitalparameter

– Zu unterlassener Hilfeleistung zählt, wenn den Patient:innen
Untersuchungsergebnisse vorenthalten werden.

– Zu unterlassener Hilfeleistung zählt, wenn sich trotz klinisch
eindeutiger gefährdender Zeichen sich nicht um eine Anschlussbehandlung,
Überweisung oder adäquate Sprachmittlung gekümmert wird.

Das eben beschriebene entspricht direkten Schilderungen von Menschen,
die in Suhl untergebracht und auf medizinische Hilfe vor Ort angewiesen
sind. Zusammenfassend ist kein Wille durch das dort agierende
medizinische Personal zu erkennen, die Menschen medizinisch adäquat zu
behandeln. Dies ist fahrlässig, verantwortungslos und falsch.

Medizinische Gesundheitsversorgung stellt nicht nur ein Grundbedürfnis
eines jeden Menschen dar, sondern auch ein Grundrecht. Dies ist im
Artikel 25 der Charta der allgemeinen Menschenrechte niedergeschrieben.
Die eben beschriebenen Geschehnisse zeigen die eindeutige Verletzung
dieses Rechtes durch die BRD und den Freistaat Thüringen, vermittelt
durch das medizinische Personal der EAE Suhl.

Die Menschen in den Sammelunterkünften sind nicht krankenversichert.
Somit werden nur akute Erkrankungen und Notfälle vom Sozialamt
finanziert. Der Leistungskatalog ist im Asylbewerberleistungsgesetz
(AsylbLG) festgelegt, jedoch werden zum Beispiel psychische Erkrankungen
oder akute psychische Traumata als nicht akut behandlungsbedürftig
definiert. Dies ist nicht nur empathielos, sondern auch medizinisch
falsch. Die oben beschriebenen Situationen lassen nur vermuten, welchen
Leidensdruck Asylbewerber:innen haben und wie diese durch das staatliche
Handeln – in diesem Falle Nicht-Handeln bzw. Unterlassen – potenziert
werden. Indem das Sicherheitspersonal, wie in der Stellungnahme des
Flüchtlingsrates Thüringen e.V. beschrieben, sowohl körperliche als auch
psychische Gewalt gegenüber den Bewohner:innen anwendet, wird die
sowieso schon durch strutkurellen Rassismus bestehende medizinische
Unterversorgung noch bewusst potentiert und weitere Gefährdungen
verursacht. Dadurch können Retraumatisierungen oder neu verursachte
Traumata mit erheblichen langfristigen Folgen auftreten. Im schlimmsten
Fall kann dies zu selbstverletzendem Handeln führen. Auch psychische
Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht!

Die aktuell herrschenden Zustände sind unzumutbar. Wir fordern aus
aktuellen Anlässen

1. kompetentes medizinisches (pflegerisches und ärztliches) Personal vor
Ort, sowie neutrale Sozialarbeiter:innen

2. eine auch in Notfällen erreichbare Sprachmittlung

3. unvoreingenommenes, auf rechtsradikale Absichten und Rassismus
überprüftes Sicherheitspersonal

Unsere Forderungen – die Umsetzung der Menschenrechte – sollten eine
Selbstverständlichkeit darstellen! Die Tatsache, dass eine Einhaltung
medizinischer Mindeststandards nicht gegeben ist, ist zutiefst beschämend.

Beispiele für gelungene Umsetzungen gibt es genug. Am Jenaer Uniklinikum
können über das Internet Dolmetscher angefordert werden, die durch
Telematik innerhalb weniger Minuten verfügbar sind. Im gesamten Land
Thüringen können nicht krankenversicherte Personen medizinische
Versorgung durch eine Finanzierungsgarantie beim “Anonymen Krankenschein
Thüringen” (AKSt) beantragen und somit je nach medizinischem
Handlungsbedarf einen Arzt aufsuchen. Es stellt sich die Frage, warum
der AKST nicht mit der Versorgung der Erstaufnahmeeinrichtung beauftragt
und mit entsprechenden Mitteln ausgestattet wird. Erfahrungen in der
Versorgung Nichtversicherter liegen seit 2017 vor.

*Wir appellieren an die Politik und fordern sofortiges Handeln!*

Grußbotschaft aus dem Erstaufnahmelager Suhl an die Seebrücke-Demo am 03.10.2020 in Jena

Auf der Seebrücke-Demo am 3.10.2020 in Jena haben von Gewalt betroffene Familien aus Suhl die Vorkommnisse von Dienstagnacht (29.9.2020), ihre aktuelle Situation in Suhl und ihre Wünsche und Forderungen öffentlich gemacht:

Hello to all of you kind people,

due to our children’s illnesses, we were transferred from Greece to Germany and then to Camp Suhl in a completely legal way.

On behalf of the vulnerable and sick migrants living in Camp Suhl I thank all of you.

There have been many cases of oppression and violence against us in this Camp. Some time ago, due to the negligence of the doctor of the camp, a mother lost her unborn child two months before his birth, and the mother of this child spends every day crying.

A few nights ago, the security of this camp attacked our room and beat my wife and me. In this bad Incident, my wife was severely injured both physically and mentally.

My little children are in a state of shock and fear.

Two other families who came mediate were beaten.

Meanwhile, a little girl suffering from a severe skin condition called psoriasis suffered a nervous attack, after which her father and my wife were taken to the hospital due to severe beatings.

In this camp, the doctor does not pay any attention to the patients and treats everyone with hostility.

The health situation here is very bad and the food quality is worse than that. Our children often go to bed hungry and many children are malnourished and also our children in this camp are depressed.

There is no translator for us in any language here and sometimes they do not even allow us to speak English and say that „in our country you only have to speak German“.

We ask you, dear people, to be our voice so that justice can be done to us.
We want a change in the medical system and the food system of this camp. I must also say that we do not have security in this camp. We want to be transferred from this camp to start treating our illnesses and our children. We want to start a peaceful life and be a useful person for this country where we have taken refuge because we are human beings and God has given us the right to life which was denied to us in our country.

Our message to you: Take refugees in, we ask for your help.

Thank you for being our cry.

Eisenberg 2015

Die Zustände in dem Erstaufnahmelager in Eisenberg sind uns wohl in Erinnerung geblieben und wir wollen sie nicht wieder kennen lernen müssen. Im Augenblick wohnen bereits wieder Familien im Lager Eisenberg und die zuständigen Ministerien beabsichtigen, das Lager wieder vollständig hochzufahren.

Der Film “Geflüchtete sind Menschen — auch in Eisenberg” von 2015 zeigt die damaligen Zustände:

Erschütternde Vorgänge in der Erstaufnahmeeinrichtung Suhl

Die folgende Pressemitteilung des Flüchtlingsrats Thüringen war Anlass für die Gründung des Netzwerks Lager-Watch Thüringen:

Am Abend des 29.9.2020 gab es nach Informationen des Flüchtlingsrat Thüringen e.V. in der Thüringer Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl eine Gewalteskalation durch den Sicherheitsdienst gegen Bewohner*innen. Bilder und Schilderungen zeigen insbesondere die massive Anwendung von Gewalt, auch gegen Frauen und in Anwesenheit von Kindern.

Berichten zufolge sollen sich nach einer vermeintlichen Ruhestörung durch Kinder drei Angestellte des Sicherheitsdienstes gewaltsam Zugang zu dem Zimmer der betroffenen Familie verschafft haben. Die anwesende Frau und Mutter filmte das Geschehen mit ihrem Handy. Ihr soll daraufhin unter Gewalt das Handy entrissen worden sein. Die Berichte schildern, sie sei im Beisein ihrer schreienden Kinder geschlagen, auf den Boden gedrückt und an den Haaren gezogen worden. Daraufhin sei die Gewalt auch gegen weitere anwesende Familien eskaliert, die der Frau zur Hilfe kommen wollten. Sowohl Polizei als auch Rettungsdienst seien danach im Einsatz gewesen.

Eine der von der Gewalt betroffenen Frauen hatte erst vor wenigen Wochen ihr Kind im 7. Monat der Schwangerschaft verloren. Die Bitten um medizinische und frauenärztliche Untersuchungen sollen tagelang auf taube Ohren gestoßen und ihre massiven Schwangerschaftsbeschwerden bagatellisiert worden sein, bis im Suhler Krankenhaus letztlich der Tod des ungeborenen Kindes festgestellt wurde. Die Frau hatte am 29.9.2020 Strafanzeige gegen den in der Einrichtung zuständigen medizinischen Dienst gestellt.

„Wir fordern die umfassende und lückenlose Aufklärung dieser erschütternden Vorgänge in der Erstaufnahmeeinrichtung Suhl und Konsequenzen für die entsprechenden Mitarbeiter*innen. Wir erwarten, dass Schutzsuchende in der Thüringer Erstaufnahmeeinrichtung einen würdevollen und sensiblen Umgang sowie die erforderliche uneingeschränkte medizinische Versorgung erfahren. Derartige Vorfälle darf es nie wieder geben!“ so Philipp Millius Vom Flüchtlingsrat Thüringen e.V.

„Die betroffenen Familien müssen unverzüglich aus der Erstaufnahmeeinrichtung entlassen und in Kommunen untergebracht werden, die die notwendige psychosoziale Unterstützung und medizinische Versorgung bestmöglich absichern können, um nach ihren dramatischen Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung tatsächlich einen Ort des Ankommens und der Stabilisierung zu finden“, erklärt Helmut Krause, Menschenrechtsbeauftragter der Thüringer Landesärztekammer.

Der Flüchtlingsrat hatte bereits in der Vergangenheit auf verschiedenen Ebenen auf massive Missstände in der Erstaufnahmeeinrichtung hingewiesen, u.a. auf Berichte über regelmäßige Zutritte durch das Sicherheitspersonal in die Zimmer der Bewohner*innen, die grundrechtlich besorgniserregend sind.