NO LAGER – BREAK ISOLATION Antirassistische Konferenz zum Kampf für gleiche Rechte

#ENGLISH

Göttingen, June 12, 2022
Press Release
NO LAGER – BREAK ISOLATION!
Anti-racist conference on the struggle for equal rights

More than 300 people from over 60 cities and more than 50 self-organized and anti-racist groups and initiatives met from June 10-12, 2022 in Göttingen for the NO LAGER – BREAK ISOLATION! Conference to exchange experiences, challenges, strategies and actions against Lager and against the rascist deportation practice in Germany. The central message: We are ready to fight against the Lagersystem and for housing for all. Against any deportation and for the right to come, to go and to stay.

The goal of the conference was to come together again after almost 2 ½ years of Corona pandemic, to connect anti-racist struggles, to network and to seek an expression for common actions and strategies. For this purpose, there were workshops and working groups for the abolition of all Lager, anti-deportation struggles and the networking of self-organization of refugees and migrants.

One thing is certain: Against the background of racist continuities, the exclusion and unequal treatment of refugees in Germany, the continuing deadly policy of foreclosure in EUrope, from the Mediterranean and Belarus to Suhl, the problem is racism.

The reception of refugee Ukrainians shows that a different policy is possible. No Lager is not only a critique of a form of accommodation, but also stands symbolically for the protest against Lager structures – against politics that are characterized by isolation and deterrence.

“Everywhere in Germany we are already resisting this racist exclusion. We prevent deportations, organize sleeping places and put political pressure on those responsible. Just the fact that we are meeting today with over 300 people from all over Germany shows that we exist,” said Emmanuel from Freiburg in his opening speech.

“We have come together here to find solutions and strategies for the problem of pervasive racism. Racism in Germany and EUrope is systemic and the Federal German Lager system has a long and brutal history. But we will not tire of fighting against this racism and for equal rights,” explains Behnam Blumengarten about the situation in German Lager and announces: “See you at the commemorative events and the demonstration on August 27th. on the occasion of the 30th anniversary of the racist pogroms in Rostock-Lichtenhagen. We’ll come united!”

More information about the nationwide antiracist Lager-Watch-network:
https://lager-watch.org/

More information on the nationwide demonstration in memory of the pogrom Rostock-Lichtenhagen 1992:
https://gedenken-lichtenhagen.de/

#DEUTSCH

Göttingen, den 13. Juni 2022
Pressemitteilung
NO LAGER – BREAK ISOLATION
Antirassistische Konferenz zum Kampf für gleiche Rechte

Mehr als 300 Menschen aus über 60 Städten und mehr als 50 selbstorganisierte und antirassistische Gruppen und Initiativen haben sich vom 10.-12. Juni 2022 in Göttingen zur NO LAGER – BREAK ISOLATION! Konferenz getroffen, um sich zu Erfahrungen, Herausforderungen, Strategien und Aktionen gegen Lager und gegen die rassistische Abschiebepraxis in der Bundesrepublik auszutauschen. Die zentrale Botschaft: Wir sind bereit, gegen das Lagersystem und für Wohnungen für Alle zu kämpfen. Gegen jede Abschiebung und für das Recht zu kommen, zu gehen und zu bleiben.

Ziel der Konferenz war es, nach fast 2 ½ Jahren Corona-Pandemie wieder zusammen zu kommen, antirassistische Kämpfe zu verbinden, sich zu vernetzen und einen Ausdruck für gemeinsame Aktionen und Strategien zu suchen. Dazu gab es Workshops und Arbeitsgruppen für die Abschaffung aller Lager, Anti-Abschiebekämpfe und die Vernetzung von Selbstorganisation von Geflüchteten und Migrant:innen.

Dabei steht fest: Vor dem Hintergrund rassistischer Kontinuitäten, der Ausgrenzung und Ungleichbehandlung von Geflüchteten in der Bundesrepublik, der weiterhin tödlichen Abschottungspolitik EUropas, vom Mittelmeer, über Belarus bis nach Suhl, das Problem heißt Rassismus.

Der Umgang mit geflüchteten Ukrainer*innen zeigt, dass eine andere Aufnahmepolitik möglich ist. No Lager ist nicht nur die Kritik an einer Unterbringungsform, sondern steht sinnbildlich für den Protest gegen Lagerstrukturen – gegen eine Politik, die geprägt ist von Abschottung und Abschreckung.

„Überall in Deutschland widersetzen wir uns bereits dieser rassistischen Ausgrenzung. Wir verhindern Abschiebungen, organisieren Schlafplätze und machen politisch Druck auf die Verantwortlichen. Allein, dass wir uns heute mit über 300 Leuten aus dem gesamten Bundesgebiet treffen, zeigt, dass es uns gibt,“ sagt Emmanuel aus Freiburg in seiner Eröffnungsrede.

„Wir sind hier zusammengekommen, um Lösungen und Strategien für das Problem des grassierenden Rassismus zu finden. Rassismus in Deutschland und EUropa hat System und das bundesdeutsche Lagersystem hat eine lange und brutale Geschichte. Doch wir werden nicht müde, gegen diesen Rassismus und für gleiche Rechte zu kämpfen.“ erklärt Behnam Blumengarten zur Situation in bundesdeutschen Lagern und kündigt an: „Wir sehen uns zu den Gedenkveranstaltungen und der Demonstration am 27. August 2022 anlässlich des 30. Jahrestages der rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. We’ll come united!“

Mehr Informationen zur bundesweiten antirassistischen Lager-Watch-Vernetzung:
https://lager-watch.org/

Mehr Informationen zur bundesweiten Demonstration in Gedenken an das Pogrom Rostock-Lichtenhagen 1992:
https://gedenken-lichtenhagen.de/


VIDEO: Ban for basic rights – What is security allowed to do in the initial reception camp for refugees?

In November 2021, a video by residents of the initial reception camp for refugees in Suhl became public, showing the scandalous treatment by individual security employees.

In January 2022 we discussed in an online panel with two experts: What is security allowed in the reception camp and on what basis? What is the reality of dealing with residents in the Suhl initial reception camp? What are the practical possibilities for a response?

The discussion showed again that the verbal abuses and violence that were documented in the video are by no means an isolated case. Yet, it was stated that of course not every security employee is a bad person, but that it is dangerous to give them so much power over vulnerable people, because some are indeed acting racist.
In May 2022, a hearing in the Thuringian state parliament reveiled that the security guard who was in the 2021 video actually candidated on the list of a Neo-Nazi party before and was posing with extreme right symbols on social media. Yet, the Ministry of Migration gave an uncomforting statement that they couldn’t do anything as long as he was not a member of a forbidden party – see our video.

We still demand to cancel the contract with the current security company, and most of all to offer decent and safe housing to migrants. Lagers are no safe places for anybody!

#NoLager About Lager-Watch Thuringia: As refugees affected by camp accommodation and supporters, we document the structural, racist and physical violence of camp accommodation in Thuringia. Our goal is to make the grievances and conditions in the Thuringian camps visible. So far we have mainly been active around the initial reception camp in Suhl.

Nach wiederholten Angriffen von Security-Dienst-Mitarbeitern auf Schutzsuchende in der Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl fordern ezra, Lager-Watch Thüringen und der Flüchtlingsrat Thüringen e.V. Konsequenzen

PRESSEMITTEILUNG

[ENGLISH BELOW]

Im Oktober 2021 wurde erneut ein Angriff durch einen Mitarbeiter des eingesetzten Sicherheitsdiensts auf Bewohner:innen der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Suhl bekannt. Dabei sind Bewohner:innen mutmaßlich rassistisch beleidigt und bedroht worden. Der Vorfall wurde videodokumentiert und durch den Flüchtlingsrat Thüringen e.V. veröffentlicht.

Das Land Thüringen und seine untergeordneten Behörden sehen indessen keinen weiteren Handlungsbedarf, wie eine mündliche Anfrage im Landtag am 05.05.22 verdeutlicht. Der betreffende Mitarbeiter, mit mutmaßlich gefestigtem neonazistischen Gedankengut und engen Kontakten in die Thüringer Neonaziszene, bleibt weiter in der Erstaufnahmeeinrichtung beschäftigt. Und die Antworten werfen weitere Fragen auf.

Unbeantwortet bleibt, wie das Landesverwaltungsamt die schutzsuchenden Bewohner:innen vor zukünftigen rechten, rassistischen Angriffen schützt, oder wie sichergestellt wird, dass Mitarbeiter:innen in solchen sensiblen Positionen für die Ausübung ihrer Tätigkeit tatsächlich geeignet sind. Die bisherigen Regelungen haben hier offensichtlich versagt. sagt Inka Rehbehn vom Flüchtlingsrat Thüringen e.V.

Überdies berichten Bewohner:innen von mitgeführten Handschellen und Schlagstöcken einzelner Security-Mitarbeiter:innen während der Nachtschichten. Der Einsatz und das Führen von waffenähnlichen Gegenständen seien nach Angaben des Ministeriums indes jedoch verboten.

Mittlerweile häufen sich die Berichte von Angriffen durch einige Security-Mitarbeiter in der Erstaufnahmeeinrichtung. Der Flüchtlingsrat, Lager-Watch und ezra fordern deshalb Konsequenzen vom Land Thüringen und seiner nachgeordneten Behörden.

“Der Betreiber des Sicherheitsdiensts scheint offensichtlich nicht geeignet zu sein, um die Sicherheit von Schutzsuchenden zu gewährleisten. Aus unserer Sicht gilt es als Erstes den Vertrag mit dem gegenwärtigen Sicherheits-Unternehmen, seine Ausgestaltung und die Ermächtigung des privaten Sicherheitsdienstes grundlegend zu hinterfragen. so Behnam Blumengarten von Lager-Watch Thüringen.

Des Weiteren braucht es verlässliche Standards, um sicherzustellen, dass nur qualifiziertes Personal in der Erstaufnahme Suhl arbeitet, und unabhängige Kontrollinstanzen, die dem Machtmissbrauch durch die Security entgegenwirken und Bewohner:innen vor rassistischer Gewalt durch Mitarbeitende in der Einrichtung schützen.

“Letztlich muss es jedoch auch darum gehen, den im Koalitionsvertrag von rot-rot-grün und im Thüringer Integrationskonzept verankertem Vorrang der dezentralen Unterbringung endlich thüringenweit umzusetzen. Die Verwirklichung der Forderung von ‘Wohnungen für alle’ braucht kein Bewachungskonzept.” so Behnam Blumengarten von Lager-Watch Thüringen abschließend.

PRESS RELEASE

In October 2021, another attack by an employee of the deployed security service on residents of the initial reception center for refugees in Suhl became known. Residents were allegedly racially insulted and threatened. The incident was documented on video and published by the Thüringen Refugee Council.

The state of Thuringia and its subordinate authorities see no further need for action, as an oral question in the state parliament on May 5th, 2022 made clear. The employee in question, with presumably consolidated neo-Nazi ideas and close contacts in the Thuringian neo-Nazi scene, remains employed in the initial reception facility. And the answers raise more questions.

“It remains unanswered how the state administration office protects residents seeking protection from future right-wing, racist attacks, or how it is ensured that employees in such sensitive positions are actually suitable for carrying out their work. The previous regulations have obviously failed here. “ says Inka Rehbehn from the Refugee Council Thuringia e.V.

In addition, residents report handcuffs and batons being carried by individual security employees during night shifts. However, according to the ministry, the use and carrying of weapon-like objects are prohibited.

In the meantime, reports of attacks by some security staff in the initial reception center are piling up. The refugee council, Lager-Watch and ezra are therefore demanding consequences from the state of Thuringia and its subordinate authorities.

“The operator of the security service obviously does not seem to be able to guarantee the safety of those seeking protection. From our point of view, the first thing to do is fundamentally question the contract with the current security company, its structure and the authorization of the private security service.” so Behnam Blumengarten from Lager-Watch Thuringia.

Furthermore, reliable standards are needed to ensure that only qualified staff work in the Suhl initial reception, and independent control bodies that counteract the abuse of power by the security and protect residents from racist violence by employees in the facility.

“Ultimately, however, it must also be a question of finally implementing the priority of decentralized accommodation anchored in the coalition agreement between red-red-green and in the Thuringian integration concept throughout Thuringia. The realization of the demand for ‘apartments for everyone’ does not require a security concept.” concludes Behnam Blumengarten from Lager-Watch Thüringen.

Rassismus ist Alltag. Auch und insbesondere in den Lagern des Landes Thüringen und seiner Kommunen. 

(ENGLISH BELOW)
Statement anlässlich der Wochen gegen Rassismus und des Housing Action Day
Rassismus ist Alltag. Auch und insbesondere in den Lagern des Landes Thüringen und seiner Kommunen.

Nach zwei Jahren Pandemie haben wir als Lager-Watch Thüringen bitter feststellen müssen, dass das Land Thüringen aller Widerstände zum Trotz ungeniert an der Struktur und der rassistischen Kontinuität des bundesdeutschen und europäischen Lagersystems festhielt und zumeist eine Durchseuchung in den Lagern und Unterkünften billigend in Kauf genommen hat.

Im Herbst 2020 mussten wir erleben, wie der Sicherheitsdienst des Erstaufnahmelagers Suhl gewaltsam in die Zimmer von Familien eindrang, um diese aus vermeintlichen Brandschutzgründen zu durchsuchen. Dabei verletzten sie gewaltsam die Privatsphäre von Bewohner:innen und begannen, Väter und gleichsam Mütter vor den Augen weinender Kinder zu verprügeln.

Lager bieten das Gegenteil dessen, was alle Menschen brauchen – Schutz, einen Ort, an dem Menschen in Sicherheit und Frieden ankommen können, Rückzugsmöglichkeiten und das Recht auf Privatsphäre. Wer es auf europäisches Festland geschafft hat, wird festgesetzt. Mit polizeilicher Gewalt, mit Residenzpflicht, Wohnsitzauflagen oder Übernachtungspflichten. Ob Hotspots in Griechenland oder hiesige Sammelunterkünfte – Lager folgen immer derselben Abschreckungslogik. Sie sollen Abschiebungen erleichtern und die Ankommenden isolieren. Die ständige Angst vor Abschiebung, das Warten, keine Privatsphäre und willkürliche Security-Gewalt sind Alltag in Thüringen und bundesweit.

Der Umgang mit Geflüchteten aus der Ukraine zeigt, dass es auch anders geht. Wenn es in die politische Agenda passt, fährt die EU plötzlich eine Aufnahmepolitik, die bis vor Kurzem undenkbar schien: Geflüchtete dürfen sofort arbeiten, haben Anspruch auf Sozialleistungen, auf Gesundheitsversorgung und können direkt in Wohnungen ziehen. Diese momentane liberale Aufnahmepraxis bedeutet jedoch keine Umkehr in der bisherigen repressiven Migrationspolitik: So werden an derselben Grenze People of Color oder ohne Pass abgewiesen oder erfrieren unweit davon im polnisch-belarussischen Wald. An der Grenze passiert damit das, was auch die Lagerlogik ausmacht: eine strikte Selektion von vermeintlich “guten” und “schlechten” Geflüchteten.

Wir fordern daher hier und jetzt Bleiberechte und Wohnungen für alle Menschen! Wir fordern die Abschaffung aller Lagerstrukturen und die vollständige Absage an die bundesdeutsche Lager- und Kontrollmentalität der Ausgrenzung, Isolation und der Unterdrückung! Die letzten Wochen zeigen uns: Eine andere Politik ist möglich! Wenn unsere Solidarität grenzenlos bleibt. Dabei muss uns kümmern was mit Menschen passiert, die in der Isolation der Thüringer Lager leben müssen!

Die Erfahrungen, von denen Ankommende in Thüringen nach einigen Wochen aus dem Erstaufnahmelager in Suhl berichten, sind erschreckend und reichen von mangelnder Versorgung und erlebter Bevormundung, über rassistische Beleidigungen oder Bedrohungen bis hin zu massiven Gewalterfahrungen.

Die Gewaltnacht durch Security gegen Bewohner:innen am 29.09.2020 war der Ausgangspunkt für die Gründung des Netzwerks Lager-Watch Thüringen. Bis heute fordern wir gemeinsam mit den Betroffenen Aufklärung und Konsequenzen! Doch bis heute bleibt die Aufklärung aus und bis heute beschäftigt das Land Thüringen und das Landesverwaltungsamt über einen mit Drittaufträgen beauftragten Sicherheitsdienst weiterhin organisierte Nazischläger. Das Land Thüringen beschäftigt Rassisten und bekennende Neonazis und das vermeintlich zum Schutz von Bewohner:innen. Das ist die Bilanz aus der rassistischen Ignoranz der Thüringer Verantwortungsträger:innen in Ministerien, Verwaltungsämtern und der Justiz in einem Bundesland, das sich selbst zum vermeintlich “sicheren Hafen” erklärt hat!

Wir fordern Gerechtigkeit! Wir fordern die Auflösung und Aufkündigung aller Verträge mit dem derzeit im Erstaufnahmelager befindlichen Sicherheitsdienst, die Verurteilung der Gewalttäter von Suhl und endlich eine lückenlose Aufklärung!

Und dann müssen wir uns die Frage stellen, wie es sein kann, dass unter der gegenwärtigen Landesregierung die Missstände, die unterlassene medizinische Hilfeleistung, die massiven und fortdauernden Grundrechtsverletzungen und die brutale Gewalt gegen Schutzsuchende viel zu lange hingenommen werden.

Die Forderung “Wohnungen für alle!” aus antirassistischer Perspektive muss daher mit der Forderung nach der Abschaffung der rassistischen Sondergesetzgebung für Schutzsuchende hier in Thüringen und europaweit einhergehen! Privatsphäre, BEZAHLBARER UND MENSCHENWÜRDIGER WOHNRAUM IST Grund- und MENSCHENRECHT! Doch die aktuellen bundesweiten Regelungen und das Thüringer Flüchtlingsaufnahmegesetz zementieren Lagerunterbringung und massive Grundrechtseinschränkungen für alle Schutzsuchenden.

Der Kampf um Gerechtigkeit und gegen Rassismus, der Kampf um Wohnungen für alle muss daher zusammen und in grenzenloser Solidarität mit allen Menschen geführt werden, die hier in Jena und Thüringen, in der Bundesrepublik und in Europa Obdach und bezahlbaren Wohnraum, die hier Schutz und Zuflucht suchen oder für ihr Bleiberecht kämpfen müssen.

Statement on the occasion of the Weeks against Racism and the Housing Action Day

Racism is happening everyday. Also and especially in the camps of the state of Thuringia and its municipalities.

After two years of pandemic, we as Lager-Watch Thuringia had to bitterly realize that the state of Thuringia, despite all resistance, unabashedly adhered to the structure and racist continuity of the Federal German and European camp system and mostly accepted an infestation in the camps and accommodations.

In the fall of 2020, we had to witness how the security service of the Suhl initial reception camp forcibly entered the rooms of families in order to search them for supposed fire safety reasons. In doing so, they violently invaded the privacy of residents and began to beat up fathers and, as it were, mothers in front of crying children.

Camps offer the opposite of what all people need – protection, a place where people can arrive in safety and peace, retreat and the right to privacy. Those who make it to mainland Europe are detained. With police force, with residency requirements, residence requirements or overnight accommodation requirements. Whether hotspots in Greece or collective accommodations here – camps always follow the same logic of deterrence. They are intended to facilitate deportations and isolate the arrivals. The constant fear of deportation, waiting, no privacy and arbitrary security violence are everyday life in Thuringia and nationwide.

The treatment of refugees from Ukraine shows that it can be done differently. When it suits the political agenda, the EU suddenly adopts an admission policy that seemed unthinkable until recently: refugees are allowed to work immediately, are entitled to social benefits and health care, and can move directly into apartments. This momentary liberal admission practice, however, does not mean a reversal in the previous repressive migration policy: People of color or without passports are turned away at the same border or freeze to death in the Polish-Belarusian forest not far away. What happens at the border is the same as the logic of the camps: a strict selection of supposedly “good” and “bad” refugees.

Therefore, we demand here and now rights to stay and housing for all people! We demand the abolition of all camp structures and the complete rejection of the German camp and control mentality of exclusion, isolation and oppression! The last weeks show us: A different policy is possible! if our solidarity remains without borders. We have to care about what happens to people who have to live in the isolation of the Thuringian camps!

The experiences of those arriving in Thuringia after a few weeks in the initial reception center in Suhl are frightening and range from a lack of care and experienced paternalism, racist insults or threats to massive experiences of violence.

The night of violence by security against residents on 29.09.2020 was the starting point for the foundation of the network Lager-Watch Thuringia. Until today, we demand clarification and consequences together with those affected! But until today the clarification remains missing and until today the state of Thuringia and the State Administration Office continues to employ organized Nazi thugs through a security service contracted with third parties. The state of Thuringia employs racists and avowed neo-Nazis and this supposedly for the protection of residents. This is the result of the racist ignorance of Thuringian officials in ministries, administrative offices and the judiciary in a state that has declared itself a supposed “safe haven”!

We demand justice! We demand the dissolution and cancellation of all contracts with the security service currently in the initial reception center, the condemnation of the perpetrators of violence in Suhl and finally a complete clarification!

And then we must ask ourselves how it can be that under the current state government, the abuses, the failure to provide medical assistance, the massive and continuing violations of fundamental rights and the brutal violence against those seeking protection is accepted far too long powerless.

The demand “Housing for all!” from an anti-racist perspective must therefore be accompanied by the demand for the abolition of the racist special legislation for protection seekers here in Thuringia and across Europe! PRIVACY, PAYABLE AND HUMAN DIGNIFIED HOUSING IS A BASIC AND HUMAN RIGHT!But the current nationwide regulations and the Thuringian Refugee Reception Act cement camp accommodation and massive basic rights restrictions for all protection seekers.

The struggle for justice and against racism, the struggle for housing for all must therefore be fought together and in solidarity with all people. 

Aufruf – Rassismus ist Alltag – Rassismus ist auch Dein Problem!

[Deutsch] [English] [en français] [Kurdî] [Türk] [عربي] [فارسی]

Die südafrikanische Ubuntu Lehre arbeitet mit einem Sprichwort:

„Wenn du schnell gehen willst geh allein. Wenn du
Weit gehen willst, geh mit anderen.“

Beteiligt euch am 21. März 2022 für einen antirassistischen Alltag in Thüringen! Ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit: Rassismus ist Alltag! Ein Alltag, in dem Menschen beleidigt, beschimpft, bedroht, angegriffen und ermordet werden. Ein Alltag, in dem Rassismus bei Polizei, Justiz und staatlichen Behörden im System (fest-)steckt.

Ein Alltag, in dem Schutzsuchende sich tagtäglich mit einer Missachtung ihrer Grundrechte konfrontiert sehen.

Für die Betroffenen gehört Rassismus, eine Erfahrung von Gewalt und Unterdrückung auf verschiedenen Ebenen, zum Normalzustand.

Ein Normalzustand, der bedeuten kann, täglich darum fürchten zu müssen, dass Familie oder Freund:innen abgeholt werden, um unter Zwang in ihre Herkunftsländer abgeschoben zu werden, in denen es für sie lebensgefährlich ist. Ein Alltag, der bedeuten kann, dass Kinder regelmäßig rassistischen Gewalterfahrungen ausgesetzt sind.

Während die Mehrheit unserer nicht betroffenen Gesellschaft Rassismus im Alltag ignoriert, verharmlost oder dazu schweigt, kämpfen viele Betroffene dafür, dass die oftmals lebensbedrohlichen Probleme endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die es dringend braucht. Sie müssen sich der Herausforderung stellen, um sich angemessen repräsentiert zu sehen.

Sie tragen mit viel Mut dazu bei, dass die oft schmerzhaften Erfahrungen mit zum Teil dramatischen Folgen überhaupt sichtbar werden. Sie entwickeln mit viel Kraft antirassistische Strategien, die ihnen und anderen im Alltag helfen. Ein Alltag, in dem die staatlichen Autoritäten und Mitmenschen sie regelmäßig alleine lassen und damit Teil des Problems werden.

Es ist an der Zeit, die Perspektiven und Forderungen der Betroffenen und deren Freund:innen, Nachbar:innen und Verbündeten im Kampf gegen Rassismus zu hören, konkrete Unterstützung zu zeigen und eine gleichberechtigte Teilhabe zu garantieren.

Es ist Zeit, Rassismus zu verlernen.  Es ist an der Zeit, Rassismus als tief verwurzeltes und strukturelles Problem anzuerkennen in einer Gesellschaft, in der wir alle von rassistischen Denkmustern geprägt sind.  Es ist an der Zeit, Rassismus auch als Dein Problem zu sehen.  Es ist Zeit, zu handeln, um nicht länger zu schweigen.

Als Betroffene, Antirassist:innen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus Thüringen rufen wir deshalb dazu auf, den Internationalen Tag gegen Rassismus 2022 am 21. März zu nutzen und für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung einzustehen.

Wir rufen dazu auf, sich mit verschiedenen dezentralen Veranstaltungen und Aktionen Thüringenweit zu beteiligen, um die schweigende Mehrheit mit den rassistischen Zuständen zu konfrontieren und von den Verantwortlichen in Politik, Behörden und Gesellschaft entschiedenes Handeln einzufordern.

Wir rufen dazu auf, wütend, solidarisch und entschlossen zu handeln und das nicht nur an einem Tag im Jahr, damit sich endlich etwas ändern kann!

Mitzeichnende:

Aktionsbündnis Gera gegen Rechts
ANSOLE e.V.
AWO Kreisverband Erfurt
Café Paul und Freunde
DaMigra e.V.
Decolonize Erfurt
DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.
DGB-Jugend Erfurt
EmpowerMensch – Antidiskriminierungsberatungsstelle (thadine)
ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen
Feministisches Kollektiv Gera
Flüchtlingsrat Thüringen e.V.
Fridays For Future Erfurt
GOLD statt BRAUN Gera
Haskala Saalfeld
House of Ressources Thüringen
Ibéroamerico e.V.
Ilmenauer Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit
Institut für Berufsbildung und Sozialmanagement gemeinnützige GmbH
Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Lokalgruppe Thüringen
Jugendliche ohne Grenzen / JoG Thüringen
Lager-Watch Thüringen
MigraNetz Thüringen e.V.
Mobit – Mobile Beratung in Thüringen Für Demokratie – gegen Rechtsextremismus
MOVE e.V.
Naturfreundejugend Erfurt
Seebrücke Erfurt
Shalom, evangelisches Jugendhaus
Stadtjugendring Erfurt
Stadtjugendring Gera
Stadtteilzentrum Herrenberg / Plattform e.V.
TheaterFABRIK Gera
veto

Weitere Informationen zum Bündnis und Veranstaltungen hier.

Hausverbot für Grundrechte – Was darf Security im Aufnahmelager? // Ban for basic rights – What is camp security allowed to do?

Hausverbot für Grundrechte – Was darf Security im Aufnahmelager?

WANN? Donnerstag, 13.01.2022, 19 – 21 Uhr

WO? Digital über BigBlueButton; https://tinyurl.com/LWT-1301

Im November 2021 wurde ein Video von Bewohner:innen des Erstaufnahmelagers in Suhl öffentlich, das den skandalösen Umgang von einzelnen Sicherheitsdienstmitarbeitern zeigt. Die verbalen Ausfälle und die Gewalt durch den Sicherheitsdienst, die mit dem Video wiederholt öffentlich wurden, beschreiben dabei längst keinen Einzelfall.

Gemeinsam mit Expert*innen stellen wir uns im offenen Austausch den Fragen:

Was darf Security im Aufnahmelager und auf welcher Grundlage?
Wie sieht die Realität des Umgangs mit Bewohner*innen im Erstaufnahmelager Suhl aus?
Welche praktischen Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Der Austausch und die Veranstaltung finden auf Englisch statt und wird bei Bedarf simultan ins Deutsche übersetzt.

Über Lager-Watch Thüringen: Gemeinsam mit geflüchteten Betroffenen von Lagerunterbringung und Unterstützer*innen dokumentieren wir die strukturelle, rassistische und physische Gewalt von Lagerunterbringung in Thüringen. Unser Ziel ist es, die Missstände und die Verhältnisse in den Thüringer Lagern sichtbar zu machen. Bisher sind wir hauptsächlich rund um das Erstaufnahmelager in Suhl aktiv.

Ban for fundamental rights – What is camp security allowed to do in the reception center?

WHEN? Thursday, January 13th, 2022, 7 p.m. – 9 p.m.

WHERE? Digitally via BigBlueButton; https://tinyurl.com/LWT-1301

In November 2021, a video by residents of the initial reception center in Suhl became public, showing the scandalous treatment by individual security employees. The verbal abuses and violence by the security, which were repeatedly made public with the video, do by no means describe an isolated case.

Together with experts, we ask ourselves the following questions in an open exchange:

What is security allowed in the reception center and on what basis?
What is the reality of dealing with residents in the Suhl initial reception center?
What are the practical possibilities for a response?

The exchange and the event will take place in English and will be simultaneously translated into German if necessary.

About Lager-Watch Thuringia: Together with refugees affected by camp accommodation and supporters, we document the structural, racist and physical violence of camp accommodation in Thuringia. Our goal is to make the grievances and conditions in the Thuringian camps visible. So far we have mainly been active around the initial reception center in Suhl.

Briefe & Berichte aus dem Erstaufnahmelager in Suhl V

Lager-Watch liegen ein Berichte von Bewohner*innen des Erstaufnahmelagers Suhl vor. Vor ca. 3 Wochen erreichte uns ein Brief und 2 Wochen später ein Video, welche wir hier nun anonymisiert veröffentlichen. Der Brief beschreibt die schlechte Lebensmittelversorgung und die Schikanierung durch Sicherheitspersonal im Erstaufnahmelager Suhl.

“Manchmal enthalten alle Mahlzeiten einer ganzen Woche zusammen so viele Inhaltsstoffe, wie eigentlich für einen einzigen Tag notwendig wären. Wenn wir um etwa mehr Essen bitten, die Personal schickt uns weg ohne uns Essen zu geben.”

“Hiermit möchte ich mich über diesen Security beschweren, dass sie uns als Dieb beschuldigt haben, das Parfum weggenommen haben und er mich angegriffen und weggeschubst hat. Ich hoffe, dass dieser Fall schnellstmöglich aufgearbeitet wird, damit von nun an kein anderer Mensch beleidigt wird, der aus politischen Gründen und Krieg seine Heimat verlassen musste und um sein Leben zu schützen, bei Ihnen Zuflucht gesucht hat.”

Die respektlose, rassistische Behandlung des Sicherheitspersonal zeigt auch das Video:

“Willkommen in Deutschland, Arschloch!”

Brief Oktober 2021, Suhl
(für die deutsche Übersetzung siehe unten / see below for English translation)

از پناهندگان کمپ شهر زول به رییس کمپ به اطلاع میرساند که در مورد وضعیت کمپ اعتراضات به حق فراوانی وجود دارد که در کل توهین و تحقیر شأن و حرمت انسانی افراد است. بدینوسیله از طریق این نامه اعتراضات خود را بصورت کتبی به اطلاع رییس و مسئول کمپ میرسانیم، خواهشمند است در اسرع وقت به مشکلات موجود رسیدگی کنید تا شأن و حرمت انسانی در کشوری مثل آلمان که داعیه پرچمداری حقوق بشر در جهان را دارد رعایت شود. ۱- رستوران، متاسفانه در رستوران با نوع غذا و رفتار پرسنل بصورت علنی به شخصیت و حرمت انسانی آدمها توهین میشود، غذای رستوران به شدت نامرغوب و بی‌مزه و کم است، نوشیدنی و آب‌میوه‌ها که اصلا آبمیوه نیستند آب است با مقداری اسانس، چای و کافه‌ای که هیچوقت نیست و به شدت نامرغوب است. صبحانه و شام همیشه مثل هم هستند سه عدد نان تست کوچک با دو برگ کالباس یا یک پنیر و مربای کوچک، گاهی یک تکه میوه یا سیب و یا گلابی کوچک، نهار که به اصطلاح غذای اصلی است هر با مزخرف تر از قبل، ده روز یک بار برنج نامرغوب با مرغ یا گوشت به مقدار خیلی کم، بقیه روزها یا یک ملاقه سوپ یا سیب‌زمینی و الویه یا ماکارونی به مقدار خیلی کم، گاهی محتویات غذای یک روز در تمام غذاهای هفته موجود است. اگر کسی بگوید که بیشتر غذا بگذار نمی‌گذارد، می‌گوید برو بخور دوباره بیا! درسته که برای کسانی که زیاد نمیخورن باید کم بریزند، اما وقتی یک مرد بزرگ با یک متر و هشتاد قد و صد کیلو وزن میگه این غذا من رو سیر نمیکنه لطفا بیشتر بریز باید بریزند نه اینکه آدم صد کیلویی با چهل پنجاه سال سن را بازگردانند… من یه مرد بزرگ بالغ هستم که با یک ملاقه سوپ و دو عدد نان تست کوچک سیر نمی‌شوم، اما در شأن خودم نمیدانم که برای یک ملاقه سوپ دوباره برم توی صف تا مثل زندانیها و گداها طلب غذای بیشتر بکنم، تازه بار دوم غذای اصلی رو نمیدن سیب زمینی یا نون با یک پنیر کوچک بهت میدن. اگه بگیم نان اضافه می‌خوام با خساست تمام یک عدد نان تست اضافه به تو میدهند، گویی ما گدایان گرسنه سطح شهر هستیم که پرسنل رستوران به ما رحم میکنند و این چنین غرور یک انسان رو لگدمال می‌کنند…!!!! در مورد رستوران همه ساکنین کمپ اعتراض دارند که تعدادی از آنها زیر همین برگه را امضاء میکنند. ۲- مشکل دیگر در مورد برخی از نگهبانان درب ورودی کمپ هستند که به شدت توهین آمیز با برخی افراد
برخورد میکنند، من و سه نفر از دوستان ایرانی روز پنجشنبه ۱۴/۱۰/۲۰۲۱ یعنی یک روز بعد از
گرفتن حقوق اداره مهاجرت با هم رفتیم شهر که خرید بکنیم. حدود ساعت 19:30 به کمپ برگشتیم با سه نگهبان درب ورودی که به نظر کرد می‌آمدند جلوی ما را گرفتند و وسایل ما رو گشتند، یکی از آنها از داخل لوازم دوست ایرانی من یک ادکلن مردانه را درآورد و برداشت! گفت اینو از کجا آوردی؟ دزدیدی؟ گفتیم خریدیم ۱۸یورو، گفت اگه راست میگی رسید پرداختش رو نشون بده. ما نتوانستیم همان موقع رسید پرداخت رو پیدا کنیم، گفتیم رسیدش نیست، نگهبان ادکلن رو برد گذاشت داخل اتاق نگهبانی و گفت برید بالا من ادکلن رو به شما نمیدم شما این رو دزدیدید…!!!! تو این معطلی جلوی درب ورودی هم شلوغ شده بود و نگهبانی با داد و فریاد و توهین جلو همه داشت مرتب تکرار می‌کرد که ما دزد هستیم، من اعتراض کردم که اولا ما دزد نیستیم و تو اصلا نمی‌فهمی که به چه کسی نباید تهمت بزنی، بعدشم اصلا آره ما ادکلن رو دزدیدیم و پولش رو ندادیم این موضوع به شما ربطی ندارد شما پلیس شهر نیستی که شما نگهبان درب ورودی هستی و موظفی که چک کنید ببینید کارت شناسایی دارم و الکل همرام نباشه، همین شما اصلا حق ندارید که ادکلن رو بگیرید. وقتی من اعتراض کردم یکی از نگهبانان عرب به اسم … به سمت من حمله کرد و منو هل داد عقب و به زور فشار و هل دادن میخواست منو از جلوی در دور کنه، در مورد حمله این نگهبان به من همگی شاهد هستند و من به شخصه از این نگهبان و نگهبانی که ادکلن رو برداشت و تهمت زدن شکایت دارم. امیدوارم به شکایت اینجانبان در اسرع وقت رسیدگی بشود، تا از این پس به هیچ انسان شرافتمندی که به دلایل سیاسی و جنگ برای حفظ جان خود ترک وطن کرده و به شما پناه آورده توهین نشود. بدانید که من و هر کدام از مهاجران که اینجا به چشم شما مهاجر هستیم در کشور خود صاحب زندگی شغل آبرو و اعتبار بودیم… نگهبان شکایت داریم. مشکل دیگر در مورد وضعیت محل زندگی در کمپ است، ما در اطاق‌ها هیچ امنیت و حریم شخصی نداریم، دستشویی‌ها کثیف نه کاغذ توالت نه مایع دستشویی، هیچ مواد بهداشتی نداریم. اتاقها بدون قفل و راهروها بدون دوربین هستند و اگه به توالت ی
ا حمام بروی
م باید کیف پول و مدارک خود را همراه ببریم…

[DEUTSCH] Brief von den Geflüchteten in der Erstaufnahmeeinrichtung Suhl an die Leitung

Es gibt unzählige Beschwerden über die dramatische Lage von Geflüchteten in der Erstaufnahmeeinrichtung und wir wollen sie darüber mit diesem Brief informieren. Es geht in diesem Brief um die Beleidigung und Demütigung der Menschenwürde.
Mit dieser schriftlichen Beschwerde wenden wir uns an die Leitung der Erstaufnahmeeinrichtung Suhl und die Verantwortlichen. Wir bitten Sie um schnellstmögliche Handlung bezüglich der aktuellen Situation in der EAE, damit der Respekt über die Menschenwürde in einem Land wie Deutschland, das sich international als Hüter der Menschenwürde darstellt, eingehalten wird.

1. Die Kantine:
Leider werden in der Essenskantine die Persönlichkeit und die Menschenwürde der Menschen durch die Art des Essens und das Verhalten des Personals öffentlich beleidigt. Das Essen ist sehr schlecht und geschmacklos. Der Saft ist extrem dünn und besteht fast nur aus Wasser. Frühstück und Abendessen sind immer gleich, drei kleine Toastbrote mit zwei Wurstscheiben oder etwas Käse und Marmelade, manchmal ein Stück Obst oder ein Apfel oder eine kleine Birne, einmal in zehn Tage schlechter Reis mit Hühnchen oder Fleisch in sehr kleinen Mengen. Und an den restlichen Tagen eine Kelle Suppe oder Kartoffeln und Oliven oder Nudeln in sehr kleinen Mengen, manchmal enthalten alle Mahlzeiten einer ganzen Woche zusammen so viele Inhaltsstoffe, wie eigentlich für einen einzigen Tag notwendig wären. Wenn wir um etwa mehr Essen bitten, die Personal schickt uns weg ohne uns Essen zu geben. Sie sagen: Kommt wieder! Es ist richtig, dass diejenigen, die nicht viel essen, weniger bekommen sollten, aber wenn eine Person mit einer Körpergröße von einem Meter und achtzig und hundert Kilo sagt, dass dieses Essen für mich nicht genug ist, sollten sie bitte mehr geben. Schicken Sie keine Person, die 40 bis 50 Jahre alt ist weg… Ich bin groß und ein erwachsener Mann, der mit einer Kelle Suppe und zwei kleinen Toastbrots nicht satt wird. Ich muss mich für eine Kelle Suppe anstellen, um mehr Essen zu verlangen, wie ein Gefangener und Bettler. Beim zweiten Mal anstellen geben sie nicht das richtiges Essen, sondern Kartoffeln oder Brot mit etwas Käse. Alle Einwohner des Lagers beschweren sich über das Personal in der Essenkantine und einige von ihnen unterschreiben diesen Brief.

2. Ein weiteres Problem: Sicherheitspersonal am Eingang der EAE
Die Sicherheitspersonal am Eingang behandelt uns sehr schlecht (beleidigend)… Ich bin mit drei Freunden aus dem Iran am Donnerstag den 14.10.2021, genau am Tag nach dem wir als Sozialleistung das Bargeld erhalten haben, in der Stadt einkaufen gewesen. Um 19:30 sind wir zurück in die EAE gegangen und am Eingang waren drei Personen vom Sicherheitspersonal. Sie haben unsere Sachen beim Eingang rausgeholt und durchsucht. Bei meinem Freund haben sie ein Herrenparfum aus der Tasche geholt und sagten: “Woher hast du das? Hast du gestohlen?“ Wir sagten, wir hätten es für 18 Euro gekauft, er sagte, „wenn Sie Recht haben, zeigen Sie mir die Quittung dafür?“ Wir konnten die Quittung gerade nicht finden. Die Security nahm das Parfum in den Wachraum mit und sagte, „geht jetzt, ich gebe das Parfum nicht und du hast das gestohlen… !!!“ ! Während dieser Durchsuchung haben sich mehrere Menschen beim Eingang gesammelt und einer der Securities war laut und beleidigte uns vor allen und wiederholte, dass wir Diebe seien. Ich habe mich beschwert und sagte zu ihm, dass wir keine Diebe sind und sie das nicht einfach so behaupten und uns beschuldigen können: „Selbst wenn Ja, wir das Parfum geklaut und es nicht bezahlt hätten, ist das nicht Ihre Aufgabe, Sie sind nicht die Polizei, sondern Sie sind der Security hier am Eingang. Ihre Aufgabe ist mein Ausweis zu sehen und dass wir keinen Alkohol dabei haben und Sie können uns nicht beschuldigen und uns das Parfum wegnehmen.“ Als ich mich darüber beklagte, griff mich einer der Securities an und schubste mich zur Seite. Er hat mich mit Gewalt vom Tor weggedrängt. Dieses Ereignis haben viele gesehen und sind Zeugen. Hiermit möchte ich mich über diesen Security beschweren , dass sie uns als Dieb beschuldigt haben, das Parfum weggenommen haben und er mich angegriffen und weggeschubst hat. Ich hoffe, dass dieser Fall schnellstmöglich aufgearbeitet wird, damit von nun an kein anderer Mensch beleidigt wird, der aus politischen Gründen und Krieg seine Heimat verlassen musste und um sein Leben zu schützen, bei Ihnen Zuflucht gesucht hat. Das sollten Sie Wissen, dass ich und diese Menschen hier, die in Ihren Augen nur Flüchtlinge sind, ein gutes Leben hatten, einen Job und Vertrauen in ihr Land gehabt…

Das weitere Problem sind die Lebensbedingungen hier in der Erstaufnahmeeinrichtung: Wir haben keine Sicherheit und Privatsphäre in unseren eigenen Zimmern, die Toiletten sind schmutzig, es gibt kein Toilettenpapier, keine Waschmittel oder allgemein Hygieneartikel. Die Zimmer haben keine Schlösser und die Flure sind ohne Kameras, und wenn wir auf die Toilette oder ins Badezimmer gehen, müssen wir unsere Wertsachen und Dokumente mitnehmen…

[ENGLISH] Letter from the refugees in the initial reception facility in Suhl to the management

There are countless complaints about the dire situation of refugees in the initial reception center. We would like to inform you about this with this letter. It is about the insult and humiliation of human dignity. We hereby address these written complaints to the management of the Suhl reception center and those responsible. We ask you to act as soon as possible with regard to the current situation in the EAE, so that respect for human dignity is maintained in a country like Germany, a country that represents respect for human dignity internationally as a figurehead.

1. The canteen:
Unfortunately, the personality and dignity of the people in the canteen are publicly insulted by the type of food and the behavior of the staff. The food is very bad and tasteless. The juice is extremely poor and consists almost entirely of water. Breakfast and dinner are always the same, three small slices of toast with two sausage slices or some cheese and jam, sometimes a piece of fruit or an apple or a small pear, once in ten days low-quality rice with chicken or meat in very small quantities. Or rest the days or a ladle of soup or potatoes and olives or pasta in very small amounts, sometimes the ingredient of normal food contains for a day for a week. If we ask for a little more food, the staff will send us away without complying with our request. They say come back! It is correct that those who do not eat much should get less, but if a person six feet tall says that this food is not enough for him, please give him more. Do not send anyone who is 40 to 50 years old away. I am tall and a grown man who cannot get enough of a ladle of soup and two small pieces of toast. I do not understand that I should queue for a ladle of soup to ask for more food, like prisoners and beggars. If you queue up for a second look, they don’t serve the real food, only side dishes, such as potatoes or bread with a little cheese. All the residents of the camp complain about the staff in the canteen and some of them sign this letter.

2. Another problem security guards at the EAE entrance

The security staff at the entrance treated us very badly (insulting) … Myself and three friends from Iran went shopping in the city on Thursday, October 14th, 2021, exactly one day later when we received social benefits. At 7:30 p.m. we are back in the EAE and three men from the security staff stopped us at the entrance, they took our things out at the entrance and searched them. At one of my friends they took out a men’s perfume and one of them said, “Where did you get that from?” Did you steal? ”We said we bought it for 18 euros, he said if you are right, will you show me the receipt for it? We just couldn’t find the receipt. The security guard took the perfume into the guard room and said, “go now, I’m not giving you the perfume, you stole it” … !!! ! During this search, several people gathered at the entrance and a guard got loud and insulted us in front of everyone, repeating that we are thieves. I complained and said to him that, first of all, we are not thieves and that he cannot simply claim that and accuse us. And even if we had really stolen the perfume, it wouldn’t be your job, I told him: “You are not the police, you are the security here at the entrance. Your job is to see my ID and that we have no alcohol with us and you cannot accuse us and take the perfume away from us ”. When I complained about it, one of the security officers with the name … attacked me and pushed me aside. He pushed me away from the gate by force. Many have seen and witnessed this event. I want to complain about these security guards that they accused us of being a thief, taking the perfume away and the other guy who attacked me and pushed me away. I hope that this case will be dealt with as soon as possible so that from now on no other person is insulted who has left his home country for political reasons and war and sought refuge with you to protect his life. You should know that I and these people here, who in your eyes are only refugees, had a good life, had a job and enjoyed the trust of those around them in their country …

The other problem is the living conditions here in the initial reception facility: we have no security and privacy in our own rooms, the toilets are dirty, there is no toilet paper, no detergents or general hygiene products. The rooms have no locks and the hallways are without cameras, and when we go to the toilet or bathroom we have to take our valuables and documents with us …

Das war der Aktionstag am 9. Oktober in Suhl – No lager, nowhere!

Vor mittlerweile einem Monat, am 9. Oktober 2020 fand der bundesweite NoLager NoWhere Aktionstag statt. Auch in Suhl waren wir aktiv! Wir, als Aktivist*innen, Berater*innen, Mediziner*innen und ehemalige Bewohner*innen verbrachten dort gemeinsam mit den aktuellen Bewohner*innen einen gemeinsamen Tag. Innerhalb von kürzester Zeit, waren auf den grauen Parkplätzen außerhalb des Lagers verschiedene gemütliche Ecken aufgebaut: Eine Spielwiese für Kinder, ein Lautsprecher für Musik und Redebeiträge, viele Sitzgelegenheiten zum Essen und Austauschen, eine Kochstelle, eine Refugee Black Box Installation, ein Infotisch. Es dauerte nicht lange bis der ganze Parkplatz voller Menschen war und sich überall unterhalten wurde. Schnell schnappten sich einige Bewohner*innen selbst das Mikro und erzählten von ihren Situationen. Im Anschluss machten einige Musik an und tanzten dazu. Gleichzeitig wurde leckeres Essen zu bereitet und im Anschluss gegessen. Der krönende Abschluss war ein spontanes Theaterstück einer Gruppe ehemaliger Bewohner*innen. Bundesweit waren ähnliche Aktionen an 14 weiteren Orten. Gemeinsam fordern wir eine Abschaffung von Lagern und eine Unterbringung aller Menschen in Wohnungen.

Danke an alle, die diesen Tag gemeinsam mit uns verbracht haben! Viel Kraft an alle, die nach wie vor im Erstaufnahmelager sind und auch an die, die mittlerweile auf andere Thüringer Lager in den Kommunen verteilt wurden. Wir sehen uns! Vielen Dank auch an all die Menschen, die an diesem Tag von anderen Orten nach Suhl gereist sind und die Infrastruktur organisiert, gekocht und übersetzt haben.

Weitere Eindrücke können auf unserem neuen Twitteraccount verfolgt werden: https://twitter.com/LagerwatchThr @LagerwatchThr

(Normales Essen im Erstaufnahmelager vs. Essen am Aktionstag)

Pressemitteilung vom 11.10.21: LWT 9.10. PM

Erinnerung an Brandanschlag vor 30 Jahren

Foto: Emilia Henkel

Am 25.09.1991 griffen Neonazis die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) “Neues Haus” nahe Tambach-Dietharz an. Emilia Henkel hat in ihrer Masterarbeit die Geschichte der ersten Thüringer Asylunterkunft erforscht. In diesem Radiointerview geführt von JenaZeit / RADIOKJ erzählt sie von den Lebensbedingungen in der Asylunterkunft mitten im Wald, dem Brandanschlag, der Stimmung in der Bevölkerung und dem Protest der Bewohner*innen des Lagers. Vielen Dank für das Interview und die Arbeit, die uns die Kontinuitäten von Lagerunterbringungen und Protesten in Thüringen aufzeigt.

Wider eine Fortsetzung der Barbarei des Thüringischen Lagersystems

(Erstveröffentlichung in der aktuellen Herbst-Ausgabe der Lirabelle – die undogmatisch-linke Zeitschrift aus Erfurt: lirabelle.blogsport.eu)

Im Zuge der öffentlich gewordenen gewalttätigen Übergriffe auf Bewohner:innen des Erstaufnahmelagers Suhl betroffen insbesondere Familien mit Kindern durch den Sicherheitsdienst hatte sich im Herbst 2020 das Netzwerk Lager-Watch Thüringen gegründet. Knapp ein Jahr später werfen wir einen Blick auf rassistische Kontinuitäten der bundesdeutschen Lager- und Kontrollmentalität in Thüringen.

(Video vom 29.09.2020 aus Suhl zeigt Übergriffe auf Bewohner:innen)

Mit dem Slogan „Wir haben keine Wahl, aber eine Stimme!“ zieht im Wahljahr 1998 die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen quer durch Deutschland und zu den Protesten im thüringischen Lager Tambach-Dietharz. Wenige Jahre später bleibt Tambach-Dietharz nach andauerndem Protest und Widerstand für immer geschlossen und wird aufgelöst. Die Dokumentation ihrer Geschichte von Widerstand und Selbstorganisation [1] beginnt so:

“Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass die Geschichte der Löwen von deren Jägern erzählt wird. Wenn die Löwen anfangen, ihre Geschichte selbst zu erzählen, wird das etwas ganz anderes sein, als die Geschichte der Jäger.”

Im Wahljahr 2021 wird die Geschichte der Bewohner:innen des Erstaufnahmelagers in Suhl erneut von deren Jägern erzählt. Befeuert von rechten Narrativen und rassistischer Hetze erzählen sie eine Geschichte der Kriminalisierung und der Repression. In der rassistischen Stimmungsmache gegen Bewohner:innen des Erstaufnahmelagers Suhl vereinen sich bekannte Neo-Nazis, Besorgte, Chefredakteur:innen, Oberbürgermeister André Knapp und der für die Unterstützung und Verharmlosung der Hetzjagden auf Migrant:innen in Chemnitz 2018 bekannte Rassist und Antisemit Hans-Georg Maaßen [2]. Die Stimmen von Schutzsuchenden und Bewohner:innen bleiben ungehört und ungefragt.

Im rechtskonservativen Sprachgebrauch ist nicht selten von einem „Gastrecht“ die Rede, das ebenso schnell genommen wie gegeben werden könne, und auch im Erstaufnahmelager Suhl wird häufig mal mehr, mal weniger verächtlich von „Gästen“ gesprochen. Als „renitent“ verurteilt hätten sie dann ihr „Gastrecht“ verwirkt, als sei die Isolation in bundesdeutschen Lagern ein Akt der Barmherzigkeit. Dass das Erstaufnahmelager Suhl dabei längst kein Hotel ist, wird Bewohner:innen deutlich zu verstehen gegeben. Das Leben und die Bedingungen werden von aktuellen und ehemaligen Insass:innen teilweise als haftähnlich beschrieben. Sicherheitsdienste und Sozialbetreuung sind dabei längst keine Dienstleister zum Schutz und im Interesse von Bewohner:innen, sie sind ihre Schließer:innen im Auftrag der staatlichen Gewalt. Bringen Bewohner:innen Beschwerden an, wird nicht selten gedroht: Widerstand gegen Macht und Kontrolle der Schließer:innen habe Konsequenzen für das Asylverfahren, für die Verteilung aus dem Lager heraus in Kommunen und Städte, und damit letztlich für den Zugang zu grundlegenden Rechten der Versorgung und Sicherheit. Für Schutzsuchende häufig die existenzielle Bedrohung: die Abschiebung in Länder, die sie aus guten Gründen verlassen haben. Die zum Zeitpunkt des Ankommens im Erstaufnahmelager nicht überwundene Angst vor der Abschiebung ist dergestalt Instrument und Knüppel zur Abwehr, Kontrolle und erzwungener Integration in ein rassistisches Wertesystem der Isolation und Ausbeutung.

Wenn Menschen die Einrichtung verlassen, machen die Schließer:innen die städtischen Polizei-Büttel darauf aufmerksam, dass ihre „Schlimmis“ auf dem Weg in die Innenstadt Suhl sind, wie ein anonym gebliebener Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes öffentlich verlautbaren lässt [3]. Mit der kodifizierten Bezeichnung als „Schlimmis“ werden anhand der Achse rassistischer Zuschreibungen – festgemacht am Herkunftsland – ganze Personengruppen kriminalisiert, vorverurteilt und staatlich verfolgt. Ein herabwürdigender und rassistischer Code, der wohl unter den Schließer:innen, anderen Lager-Mitarbeiter:innen und nach außen hin Verwendung findet. Besuchsrechte gibt es praktisch nicht. Wer die Einrichtung als Insasse betritt, dessen Habseligkeiten werden durchsucht. Noch bis vor kurzem waren illegale Zimmerkontrollen durch den Sicherheitsdienst und Mitarbeiter:innen an der Tagesordnung – bis Briefe und Unterschriftensammlungen von Bewohner:innen und der Druck von Menschenrechtsorganisationen zur Einstellung dieser Praxis geführt haben. Festgeschrieben sind derlei Grundrechtsverletzungen in der Hausordnung, die den Schließer:innen zur Rechtfertigung gereichen und ihnen die augenscheinliche Autorität und das Recht auf die Gewaltsamkeit ihres Handelns, des Überwachen und Strafens erteilt. Geht es jedoch um die Anwendung von Gewalt und Grundrechtseinschränkungen haben Sicherheits- und soziale Dienste in Aufnahmeeinrichtungen nicht mehr Recht und Befugnis als jede:r andere Bewohner:in der selbigen gegenüber ihren Schließer:innen [4]: Nämlich das sogenannte Jedermansrecht und nicht mehr.

Dabei rechtfertigt die Medienberichterstattung über das Lager in aller Regel vorauseilend oder nachgeholt gewaltvolles Eingreifen von Sicherheitsdiensten und Selbstjustiz derselben oder gar von Anwohner:innen [5]. Damit trägt sie wesentlich zur Normalisierung rassistischer, psychischer und physischer Gewalt durch staatlich finanzierte Sicherheitsdienste bei und in der Folge zur Vereitelung der Forderung von Bewohner:innen nach Gerechtigkeit. Sie gerät gar zum Aufruf zur Gewalt, legt sie doch den Nährboden für Hass und Hetze, denen sie ganz ungeniert und unreflektiert ihre Plattform und Aufmerksamkeit bietet, während jede Perspektive schutzsuchender Bewohner:innen gänzlich ausgespart bleibt. Dringen die Schließer:innen gewaltsam in die Privatsphäre von Bewohner:innen und Familien ein und beginnen, Väter und gleichsam Mütter vor den Augen weinender Kinder zu vermöbeln, so wird zunächst gegen die „renitenten“ Bewohner:innen und später „in beide Richtungen“ ermittelt [6]. Darüber steht die Thüringer Presselandschaft, die die Geschichte der Jäger und Täter schreibt.

Mit Blick auf die Situation von Geflüchteten und der Kämpfe der Geflüchteten-Bewegung in Thüringen und Europa sehen wir hier einen, wenn nicht gar den entscheidenden Punkt im Kampf um Gerechtigkeit, der alle Grundrechte des Menschseins umfasst. Von dem Recht auf Gesundheitsversorgung und körperliche Unversehrtheit, über das Recht auf Privatsphäre, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und Wohnen, bis zum Recht auf Bewegungsfreiheit. Grundrechte, die durch die kontinuierlich andauernden rassifizierenden Politiken staatlicher Gewalt in ihrer Lager- und Kontrollmentalität permanent gebeugt und gebrochen werden.

Aber warum ist das so?, fragten die Freund:innen von The VOICE Refugee Forum und gaben bereits vor über einem Jahrzehnt die Antwort, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat: „Diese Lager- und Kontrollmentalität, welche dem Asylsystem in Deutschland zugrunde liegt, hat eine lange, unaufrichtige und brutale Geschichte mit weit reichenden Konsequenzen. Vom Allgemeinen zum Besonderen ist es die Strategie, zu isolieren, zu stigmatisieren und zu verfolgen.“ [7]

Im langen Sommer der Migration 2015 hatten sich Menschen auf den Weg gemacht und sich das Recht auf Bewegungsfreiheit, auf Schutz und Zuflucht in Europa selbst angeeignet. Eine Erfolgsgeschichte des Durchbruchs an den inneren und äußeren Grenzen der Festung Europa. Ein Jahr zuvor wurde das Lager in Suhl eröffnet und im Jahr 2016 das Erstaufnahmelager in Eisenberg nach Protesten und Petitionen aufgrund menschenunwürdiger Bedingungen geschlossen. Im Zuge der zumeist fremdbestimmten Aufnahme und Verteilung in Thüringen wurde das thüringische Lagersystem erneut hochgefahren und massiv ausgebaut. In der Folge der durch  rot-rot-grüne Verantwortungsträger:innen verpassten oder ungewollten praktischen Weichenstellung von einer repressiven Lager- und Unterbringungspolitik hin zu einer progressiven Wohnungspolitik, wurde in den folgenden Jahren das thüringische Lagersystem – wie in vielen weiteren Bundesländern auch – stabilisiert und in weiten Teilen zementiert.

Mit den spätestens seit 2016 erfolgten Grenzschließungen, Gesetzesverschärfungen, der Einrichtung des europäischen Hotspot-Systems und der europäischen Abschottungspolitik sind die Zugangszahlen auch in Thüringen massiv zurück gegangen. Fluchtwege bleiben versperrt und Menschen sind gezwungen, sich auf immer tödlichere Wege und Routen zu begeben, um Schutz und Zuflucht zu finden und den EU-finanzierten und gewalttätigen Häschern zu entkommen. Waren zunächst noch viele Ankommende in den Kommunen und Städten auch dezentral in Wohnungen untergebracht, so standen Aufnahmelager plötzlich teilweise leer und sollten gefüllt werden. Die Lager waren über längere Zeiträume angemietet, finanziert oder teilweise langfristig erworben, gebaut oder mal mehr, mal weniger menschenwürdig in Stand gesetzt. In der Konsequenz hatte das Land Thüringen, seine Kommunen und Städte das thüringische Lagersystem auf Dauer gestellt und zugleich öffentlich die vorrangige dezentrale Unterbringung in Wohnungen und die schnelle Umverteilung aus den Erstaufnahmelagern gepredigt.

Immer wieder haben sich Sozialdemokraten, LINKE sowie Grüne in ihrer Regierungsverantwortung hinter vorgehaltener Hand von progressiven und menschenrechtsbasierten Grundsätzen verabschiedet, wo in den letzten Jahren „christliche“ und braune Parteien hingegen längst kein Blatt mehr vor den Mund genommen haben. Der Durchmarsch nach rechts und der rechtskonservative Rollback in den vergangenen Jahren ziehen sich quer durch alle Parteien. Eine Erkenntnis, die immer dann besonders zum Vorschein tritt, wenn wieder einmal erklärt wird, dass die Bedingungen in derlei Einrichtung und Lagern doch gar nicht so schlimm seien und längst nicht zu vergleichen mit den viel schlimmeren Elendslagern und Hotspots an den europäischen Außengrenzen, an denen massive Menschenrechtsverletzung heute gewalttätiger Alltag geworden sind. Dieser Vergleich ändert jedoch wenig an der zugrundeliegenden Struktur und der rassistischen Kontinuität des bundesdeutschen und europäischen Lagersystems, die an den externalisierten Grenzen der Festung Europa als auch in Thüringen zutage tritt.

Einige Grundsätze und vormals progressive Forderungen haben dann auf dem Papier und in Wahlprogrammen noch Bestand, punktuell wird an Versprochenem festgehalten und doch geraten sie allzu oft nur noch zur gebetsmühlenartig vorgebrachten Rechtfertigung ohne Substanz und praktische Konsequenz. Dass die rot-rot-grüne Landesregierung (r2g) aller Beteuerungen zum Trotz an der Kultur von Abschiebungen und Deportation, der bundesdeutschen Lager- und Kontrollmentalität festgehalten hat, daran kann seit dem Ende des Abschiebemoratoriums, mit dem r2g im Jahr 2014 noch angetreten war, spätestens jedoch seit dem Festhalten am Lager-System kein Zweifel mehr bestehen. Längst hat die Thüringer Landesregierung nicht alles getan, um Abschiebungen und Lagerunterbringung zu verhindern, wie vereinzelte Politiker:innen in einschlägigen linken Zeitungen gerne verkünden möchten. Derlei Behauptungen sind mit Blick auf die Abschiebepraxis in Thüringen in den vergangenen 6 Jahren zumindest unverschämt. Zumeist sind progressive Konzepte, wie es beispielsweise in Teilen das „Thüringer Integrationskonzept“ [8] beschreibt, längst im Taumel des realpolitischen Pragmatismus und der Mehrheitsfindung in Vergessenheit geraten.

Und über aller Realpolitik hängt die Angst vor dem Schlimmeren. Die noch viel schlimmere Barbarei durch eine rechte Mehrheit im Parlament, die droht, bliebe r2g im parlamentarischen und parteipolitischen Spiel um Verantwortung und Aufmerksamkeit ungewählt. Bis die Angst sich einlöst, Vorhänge fallen und die Dämme brechen, befeuern r2g längst genau jene rassistische Praxis und Politiken, zu deren Bekämpfung sie angetreten waren.

Die Antwort auf diese Misere muss der Aufbau und die Unterstützung unabhängiger und selbstorganisierter Strukturen sein, die unvereinnahmt in der Lage sind, sich den parteipolitischen Spielen zu erwehren, die Mauern und Zäune der bundesdeutschen Lager- und Kontrollmentalität in ihrer Fortsetzung des europäischen Grenzregimes anzugreifen und abzuschaffen. Wir fordern daher:

Forderungen & Konsequenzen

Gerechtigkeit!

Wir fordern die Auflösung und Aufkündigung aller Verträge mit dem derzeit im Erstaufnahmelager befindlichen Sicherheitsdienst, die Verurteilung der noch immer im Einsatz befindlichen Täter der Gewaltnacht gegen Bewohner:innen am 29.09.2020 und deren lückenlose Aufklärung!

Gleiche Rechte für alle!

Wir fordern die unverzügliche und umfassende Sicherstellung der materiellen, medizinischen, fachärztlichen und psychosozialen Versorgung von Schutzsuchenden von Anfang an!

Wohnungen statt Lagerunterbringung!

Wir fordern die Abschaffung aller Lagerstrukturen und die vollständige Absage an die bundesdeutsche Lager- und Kontrollmentalität der Ausgrenzung, Isolation und der Unterdrückung!

 

[1] Dokumentation „Das Boot ist voll und ganz gegen Rassismus“: https://www.umbruch-bildarchiv.de/video/boot/cover.html
[2] http://zeitreisende.blue-direkt.de/index.php/eae-dicht-machen
[3] https://www.insuedthueringen.de/inhalt.erstaufnahmeeinrichtung-in-suhl-die-zustaendigen-im-land-sind-alle-unwissend.d2c6db94-d2c8-427e-be13-1bb294061c30.html
[4] https://www.aktionbleiberecht.de/blog/wp-content/uploads/2020/09/Rechtsgutachten-Hausordnung-LEA-FR-final.pdf
[5] Der Freies-Wort-Lokalchef erklärte im Juni, es grenze an ein Wunder, dass noch nicht viel Schlimmeres passiert sei, die „Zeit des Aussitzens und Hinhaltens“ sei mit der Petition vorbei und kommentierte: „[…] dass […] bisher nicht noch […] Schlimmeres passiert ist […] ist vor allem den Helfern vor Ort zu verdanken, den Mitarbeitern des ASB, den ehrenamtlichen Betreuern, der bei Auseinandersetzungen zwischen Bewohnergruppen deeskalierenden Einsatztaktik von Wachschutz und Polizei. Aber auch Anwohnern und Gewerbetreibenden rings um das Heim, die trotz manch unschöner Konfrontation mit renitenten Bewohnern und trotz Angst um ihr Eigentum bisher kühlen Kopf bewahren und das Recht eben nicht in die eigenen Hände nehmen. Dass es dabei bleibt, ist im Interesse aller zu wünschen. Selbstverständlich ist es nicht.“ – Georg Vater: „Aussitzen geht nicht mehr“. In: Freies Wort vom 29.06.2021
[6] https://lagerwatchthueringen.noblogs.org/post/2020/10/04/erschutternde-vorgange-in-der-erstaufnahmeeinrichtung-suhl/
[7] http://thecaravan.org/node/2017
[8] https://bimf.thueringen.de/integration/integrationskonzept